Hintergrund & Historie
Vom Faden zur Geschichte – die Alte Spinnerei Lengenfeld
Die Alte Spinnerei & Tuchfabrik in Lengenfeld ist eines der seltenen Zeugnisse vogtländischer Textilgeschichte, das nicht nur überlebt hat, sondern wieder arbeitet. Hier trifft Maschinenlärm von 1923 auf Ideen des 21. Jahrhunderts.
Das Filztuch – Ein Produkt für die Papierherstellung
Der aufwendige Prozess, der nötig war, um Filztücher herzustellen, diente weniger der Bekleidung, sondern war ein Hilfsmittel (heutzutage als Betriebsstoff bezeichnet) für die Papierindustrie. Bei der Papier- oder Pappeherstellung wurde die Zelluloseflüssigkeit endlos über Walzen bewegt. Zur Gründerzeit waren diese Walzen ausschließlich mit Filztuch bezogen, als Trennschicht zwischen Metallwalzen und Zellulosemasse. Durch ihre Eigenschaften der schnellen Wasseraufnahme und Abgabe war die Schafwolle besonders geeignet. Außerdem hat ein Filztuch durch seine innere Gewebestruktur, anders als das klassische Filzvlies, eine höhere Festigkeit und bleibt formstabil.
Der Rohstoff – eine vielseitige Faser
Die Schafwolle zählt zu den tierischen Faserstoffen und ist ein nachwachsender Rohstoff. Die Schafwolle ist hygroskopisch, hydrophob, antibakteriell, antistatisch, schwer entflammbar und thermoregulierend. Durch ihre Schuppenstruktur besitzt sie die Eigenschaft zu Filzen und ist besonders geeignet für die Herstellung von Filztüchern. Außerdem kann sie als natürlicher Dünger eingesetzt werden. Die Gewinnung erfolgt über die Schur, also das Rasieren oder ehemals Scheren der Tiere.
Das Waschen – Grundlage für maschinelle Weiterverarbeitung
Die Schurwolle wird in 30- 60°C heißem Wasser unter Zusatz von Soda oder Seifenlauge gereinigt und mit frischem Wasser reingespült. Dieser Reinigungsvorgang entfernt hauptsächlich das Lanolin, Schmutz und Kotreste. Das Entkletten, also das Entfernen von pflanzlichen Bestandteilen wie Kletten, Stroh oder Blättern, kann als weiterer Reinigungsvorgang gewertet werden. Hierzu gibt es die Karbonisation, ein chemisches Verfahren, bei dem eine Schwefelsäurelösung zum Einsatz kommt.
Wasserkraft - Der Antrieb für schwere Arbeiten in der Gründerzeit
Abgesehen von der reinen menschlichen Muskelkraft hat man sich schon früh die Kräfte der Natur zu Nutze gemacht. Neben Laufrädern gab es noch Wind- und Wasserkrafträder. Gerade viele Industriegebäude, aber auch Handwerksbetriebe, siedelten sich an Nebenarmen von Flüssen an. Es wurden aber auch künstliche Abzweige erschlossen. Diese waren als Mühlgraben bekannt – auch heute noch eine gängige Adresse von alten Gebäuden. Zur Gründerzeit wurden alle Maschinenbewegungen durch ein unterschlächtiges Wasserkraftrad im Kellerbereich über solche Nebenarme angetrieben.
Die Geschichte unseres Gebäudes
16. Jahrhundert: Eine Mühle in der Nachbarschaft
Im 16. Jahrhundert stand neben unserem Gebäude ein Eisenwerk, die Hammermühle.
Es ist unbekannt, wann die Getreidemühle entstanden ist, sie behielt allerdings ihren
Namen und so kam es zu der Gebäudebeschriftung „Hammermühle“ mit zwei Ähren.
18. & 19. Jahrhundert: Beginn der Textilindustrie
Schon im 18. Jahrhundert begann die Textilindustrie in Lengenfeld. 1842 bis 1872 wurden in Lengenfeld jährlich bis zu 10.000 Stück/Tuche hergestellt. 1853 entstand das Gebäude, der heutige Standort, als Spinnerei.
1840–1910: Der Anfang einer industriellen Erfolgsgeschichte
Im 19. Jahrhundert erlebt das Vogtland seine Blütezeit als Textilregion. In Lengenfeld entstehen Spinnereien, Webereien und Färbereien, die Wolle und Baumwolle aus der ganzen Region verarbeiten.
Die spätere Filztuchfabrik Moritz Weidenmüller wird gegründet – ein Familienunternehmen mit solidem handwerklichem Fundament. Schon früh setzt man auf technische Innovationen, Präzision und die typische vogtländische Qualität, die überregional geschätzt wird.
1920–1945: Fortschritt unter Spannung
Die Fabrik expandiert, Maschinenparks werden modernisiert, der legendäre Selfaktor von 1923 wird angeschafft – eine der komplexesten mechanischen Spinnmaschinen ihrer Zeit.
Die Produktion läuft auf Hochtouren, doch mit dem Krieg kommen Unterbrechung, Materialknappheit und Umnutzung. Trotzdem bleibt die Anlage weitgehend erhalten – ein Glücksfall aus heutiger Sicht.
1949–1990: Überleben im Wandel
Anders als viele größere Betriebe wird die Lengenfelder Tuchfabrik nie verstaatlicht. Sie bleibt in Privatbesitz – klein genug, um nicht aufzufallen, groß genug, um zu überdauern.
Diese Eigenständigkeit bewahrt nicht nur das Gebäude, sondern auch die Maschinen in vollständigem Zustand. Während andere Standorte modernisiert oder abgerissen werden, bleibt hier ein Stück authentischer Textiltechnik konserviert.
1990–2020: Stillstand und Entdeckung
Nach der Wende ruht der Betrieb. Jahrzehntelang steht die Spinnerei leer, doch vieles bleibt erhalten: Transmissionen, Wellen, Wagenspinner, Walkfass.
Erst durch das Engagement einzelner Technikliebhaber und Kulturinteressierter wird die Bedeutung des Ortes erkannt. Was zunächst als „altes Fabrikgebäude“ galt, entpuppt sich als technisch-historisches Gesamtensemble von überregionalem Wert.
Ab 2023: Neubeginn im Vogtland
2023 gründet sich der Verein Alte Spinnerei & Tuchfabrik Lengenfeld e.V.
Ziel: die Wiederinbetriebnahme, die Weitergabe des Fachwissens und die Entwicklung einer nachhaltigen, regionalen Wollwertschöpfung.
Heute entsteht hier ein Zukunftsort für Forschung, Handwerk und Bildung – gefördert durch das WIR!-Bündnis Vogtlandpioniere im Rahmen des Projekts „TRANS-MISSION im Vogtland“.
Die Spinnerei ist damit nicht mehr nur ein Denkmal, sondern ein lebendiges Labor:
Ein Ort, an dem Vergangenheit und Zukunft denselben Faden teilen.
